Die Klostersternwarte in Ochsenhausen (1788-1803)
Das ehemalige Reichsstift Ochsenhausen liegt zwischen Memmingen und Biberach. Seine Gründung geht auf das Jahr 1093 zurück. Bis 1391 gehört es zum Kloster Sankt Blasien im Schwarzwald. Im Jahre 1495 wird das Kloster freie Reichsabtei. Seine Blütezeit erlebt das Reichsstift nach zahlreichen barockisierenden Umbaumaßnahmen im 18. Jahrhundert. Während sich die Äbte mit höfischem Glanz umgeben, nimmt für die Mönche die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Themen einen großen Teil ihres klösterlichen Lebens ein. So widmet man sich der Mathematik und Astronomie, aber auch der Kunst und Musik. Einige Patres aus Ochsenhausen erhalten gar Lehraufträge an der Universität in Salzburg. Die frühklassizistische Bibliothek des Klosters ist mit über 70000 Bänden eine der größten in Oberschwaben. Bevor wir uns der Sternwarte zuwenden, sei auf einen lohnenswerten Blick auf ein Deckengemälde von Joseph Anton Huber (1737-1815) in der Bibliothek hingewiesen. Dort sind am rechten Bildrand zwei Astronomen abgebildet, ein Engel trompetet ihnen mahnend das ewige Evangelium zu, womit wohl die Konformität der geistlicher Forschung mit der Kirchenmeinung dargestellt ist. Mit der Vollendung des nördlichen Konventflügels zwischen 1785 und 1789 entsteht unter Abt Romuald Weltin (1767-1803) in einem Eckturm des Konvents eine Sternwarte. Weltin, der bereits das klösterliche Armarium durch den Ankauf zahlreicher neuer wissenschaftlicher Instrumente erweitert hat beauftragt den Astronomen und Mechaniker Pasilius Berger (1734-1807) mit der Planung und späteren Leitung der Sternwarte. In Georg Geisenhofs Klosterchronik von 1829 findet sich zur Sternwartengründung folgender Hinweis.
“Um dem verderblichsten aller Laster, dem Müssiggange zu wehren, und besonders junge Geistliche in Erholungsstunden angenehm und nützlich zu beschäftigen, ließ er [Abt Weltin] allen einen gründlichen Unterricht in der Mathese, Geometrie und Physik, und mehreren auch in der Astronomie geben, und durch unsern gelehrten Astronomen und Mechanikus Pasilius Berger ein Observatorium einrichten, das jenem auf dem Seeberge zu Gotha in Sachsen in keinem Stücke nachsteht, ja vielmehr den Vorzug streitig macht. Man muß beide gesehen haben, wie der Schreiber Dieses, um den Werth dieses Meisterwerks bestimmen zu können”
Wie gut diese Sternwarte ausgestattet ist, lässt sich anhand des zitierten Vergleiches mit der seinerzeit modernsten Sternwarte, der so genannten Seebergsternwarte in Gotha erahnen. In den Abteirechnungen der Jahre 1768 bis 1776 sind zahlreiche Ankäufe bei Georg Friedrich Brander (1713-1783) in Augsburg vermerkt . Brander zählt zu den besten Instrumentenbauern seiner Zeit, er beliefert praktisch alle bedeutende Sternwarten und Kabinette Europas. Als Hauptinstrument dient der Sternwarte ein großer Azimutalquadrant mit einem Radius von etwa 2,7m. Eigens für dieses Instrument wird eine Holzkuppel auf dem Konventgebäude angebracht. Die drehbare Kuppel misst einen Durchmesser von etwa 3,8m und ist äußerlich nicht von den weiteren Ecktürmen des Konvents zu unterscheiden. 1982 wird der Azimutalquadrant bei Restaurierungsarbeiten im Kloster wiederentdeckt. Es fehlen jedoch alle Messingteile, die Optik sowie das Okularmikrometer. Unter Mithilfe des Deutschen Museums in München können die fehlenden Teile anhand ähnlicher Instrumente rekonstruiert werden. Nach Recherchen von Herrn Dr. Brachner vom deutschen Museum München kommen Pasilius Berger und der Hammerschmied Aloysi Weishaupt als Hersteller des Azimutal Quadranten in Frage. Ein konzeptionelles Mitwirken Georg Friedrich Branders ist wohl nach Brachner sehr wahrscheinlich. Über die wissenschaftliche Arbeit an der Sternwarte ist praktisch nichts überliefert. Zu den wenigen dokumentierten Beobachtungen zählt eine in der “Monatlichen Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde” publizierte Sternbedeckung vom 17 Juli 1804.
“Ich nehme mir die Freyheit, Ihnen die beobachtete Sternbedeckung Scorpii vom 17 Jul. 1804 zu überschicken. Die Beobachtung war gut, und der Stern verschwand augenblicklich, nach Prof. Haller um 10U 23' 45'',88, nach mir 46'',00 mittlere Zeit. Das Klosterdach verbarg uns den Austritt. Dergleichen Beobachtungen sind bei uns sehr selten, und wirklich ist dieses die erste seit beynahe zwey Jahren. Unsere geographische Lage bestimmen wir aus einigen während 14 Jahren beobachteten Sternbedeckungen, Sonnen-, Monds-, und Jupiters-Trabanten-Fisternissen, auch ein paar trigonometrischen Vermessungen. Die einzelnen Resultate stimmen ziemlich gut, und geben im Mittel den Mittags-Unterschied von Paris in Zeit 30'30''; die Breite aus vielen Beobachtungen zu 48° 3' 52''. Unser Prof. Pasil. Berger wird nächstens die Beschreibung unserer Sternwarte in Druck geben, woraus Sie sich sowohl von den gemachten Beobachtungen, als auch von den vorräthigen Werkzeugen werden überzeugen können”
Die in diesem Brief erwähnte Beschreibung der Sternwarte ist bis heute, so sie überhaupt jemals angefertigt wurde, unauffindbar. Mit der Säkularisation geht 1803 die fast 700 jährige Klostergeschichte zu Ende. Neuer Herr und Besitzer der Klosteranlage wird Franz Georg Graf von Metternich (1746-1818). Nachdem sich die Besitzverhältnisse während der napolionischen Kriege mehrmals ändern, wird das Kloster Ochsenhausen 1825 für 1,2 Mio. Gulden an das Königreich Württemberg verkauft. Die Sternwarte kann heute im Rahmen einer Klosterführung nach Voranmeldung besichtigt werden.
Text: Jürgen Kost (2009)



